Matthias Neumann, Oktober 2026 (bearbeitete Version)
Matthias Neumann hat diesen Workshop gemeinsam mit Liska Beulshausen von ‚Wirtschaft ist Care‘ konzipiert und durchgeführt. Der Text ist eine Ausarbeitung des Manuskripts. Matthias Neumann ist Mitarbeiter bei ‚Solidarisch Sorgen e.V.‘ und Mitglied im Netzwerk Care Revolution.
Bei der Konferenz Feminist Futures I, 2019 in Essen, haben Gabriele Winker und ich gemeinsam einen Workshop angeboten, dessen Schwerpunkt in einem umfassenden Transformationskonzept aus Care-Perspektive bestand. Damals waren wir, auch wegen der Erfahrungen seit der Gründung des Netzwerks Care Revolution, überzeugt, dass die Zeit dafür reif ist, und der Workshop stieß auch auf großes Interesse. Aktuell stellen wir jedoch fest, dass die Care-Bewegung sehr in der Defensive ist und „große“, gesamtgesellschaftliche Ansätze auf deutlich geringeres Interesse stoßen. Barbara Fried hat in ihrem Input zur Eröffnung der Konferenz ebenfalls einen Rahmen festgestellt, der sich radikal zum Schlechteren verändert hat. Sie benannte Sorgende Städte, solidarische Care-Praxen oder Arbeitskämpfe im Care-Bereich als Momente der Hoffnung – alles deutlich unterhalb gesellschaftlicher Transformation. Ist für diese, trotz der existenziellen Bedrohungen, die sie so dringend erforderlich machen, nicht die Zeit? Solchen Fragen will der Workshop angesichts der Entwicklung der Care-Bewegung in den letzten Jahren nachgehen. Wir wollen mit euch durchaus selbstzweifelnd zurückblicken, aber auch nach positiven Anknüpfungspunkten suchen.
Der Weg in die Care Bewegung
Es ist nicht leicht, vielleicht auch nicht hilfreich, den Beginn einer Care-Bewegung zeitlich festzulegen, auch nicht bei einer Beschränkung auf Deutschland. Zentrale Care-Konzepte und Forderungen entstanden in Bewegungen, die diesen Namen nicht verwendeten. Entscheidend war etwa das, was in der Frauenbewegung innerhalb und aus der 68er-Bewegung heraus geschah. Ein Kinderladen beispielsweise ist sicherlich ein Care-Commons, auch wenn der Begriff damals nicht im Raum stand. Und ohne die feministische Setzung „Das Private ist politisch“ ist keine Care-Bewegung denkbar. Parallel zu den Entwicklungen in politischen Bewegungen erhielt auch in der wissenschaftlichen Debatte Sorgearbeit eine zentralere Bedeutung. Dies fand wiederum vor allem im feministischen Kontext statt; erinnert sei an die Versuche, Hausarbeit theoretisch zu fassen. Später gab es auch Zusammenschlüsse von Wissenschaftler*innen, zum Beispiel das 1992 am Schnittpunkt von Sorgearbeit und Ökologie entstandene Netzwerk Vorsorgendes Wirtschaften. Überhaupt sind ökofeministische Überlegungen und die Betonung, dass Menschen grundlegend bedürftig und aufeinander angewiesen sind und sich in und durch Beziehungen entwickeln, die Idee des Menschen als autonomes Subjekt also in die Sackgasse führt, nicht erst in den letzten Jahren entstanden. Die Fundamente waren zuvor gelegt worden und die Ideen wurden von Care-Aktivist*innen aufgegriffen und auf ihre Praxis bezogen. Diese Öffnung der Theoriearbeit gegenüber persönlichen Erfahrungen ermöglichte auch, dass wissenschaftliche Debatte und Reflektion des eigenen Alltags auf Augenhöhe zusammenkommen können.
Niemand sprach in dieser Zeit von einer Care-Bewegung; Sorge und Sorgearbeit spielten als Begriffe kaum eine Rolle in der gesellschaftlichen Linken. Das änderte sich nach der Finanzkrise 2008ff. In deren Vorfeld erlebten wir eine Phase, in der die neoliberale Politik zugespitzt wurde, soziale Sicherungssysteme und Care-Infrastruktur ausgedünnt wurden und der Anteil der Profite am Bruttoinlandsprodukt ebenso wie die Spreizung zwischen hohen und niedrigen Löhnen schnell wuchsen. Als zentrale Maßnahmen aus dieser Zeit, umgesetzt unter einer SPD/Grüne-Regierung, sind vermutlich allen im Raum Hartz IV und die Umstellung der Krankenhausfinanzierung auf Fallpauschalen geläufig. Besonders mit Hartz IV ging auch eine schnelle Steigerung der Frauenerwerbstätigkeit einher, ohne dass die familiäre Arbeitsteilung neu verhandelt wurde. Dass zeitgleich die unterstützende Infrastruktur abgebaut wurde und der Anteil prekärer, zwangsflexibler Lohnarbeitsverhältnisse zunahm, kam hinzu. Was wir als Krise sozialer Reproduktion bezeichnen, baute sich hier auf.
Mit der Finanzkrise 2008ff. wurde der Kapitalismus als Wirtschafts- und Gesellschaftssystem breiter in Frage gestellt. Gleichzeitig machten Feminist*innen die Erfahrung, dass in der Krise ihre Themen wieder nachrangig erschienen, auch in den Protestaktionen. Erwerbsarbeit, Beschäftigungssicherheit und Lohnniveau schienen plötzlich wieder allein für die Reproduktion relevant zu sein und die Lebensqualität allein zu bestimmen. Wenig später lief dann die Occupy-Bewegung um die Welt, in deren Zentrum zumindest in Europa Forderungen nach und Experimente mit umfassender Demokratie standen, aber auch praktische Lösungen gemeinsamer Versorgung bei Platzbesetzungen.
Diese Erfahrungen gaben Care-Themen Zulauf und Anschub. Parallel passierte Weiteres: Queerfeministische Zusammenschlüsse, die auch Sorgearbeit und Alternativen zu Geschlechternormen und Kleinfamilie thematisierten, gewannen in der gesellschaftlichen Linken an Bedeutung. Die Konferenz „Who Cares?“ 2010 in Berlin, die zur Verankerung des Care-Themas in sozialen Bewegungen beitrug, hatte als Untertitel “Queerfeminismus und Ökonomiekritik“. Es gab in Kitas, Krankenhäusern, aber auch in ambulanten Diensten teils größere Streiks. Diese Streiks wurden zumindest oft auch anders geführt, basisdemokratischer und an den Alltagserfahrungen der Arbeitenden anknüpfend. Neben Wut und dem Bestehen auf der eigenen Würde als Arbeitende konnten hier auch Emotionen wie Angst, Unsicherheit oder Scham und deren Überwindung thematisiert werden. 2013 gründete sich, von der ver.di-Betriebsgruppe der Charite angestoßen, die „Mutter“ aller folgenden Soli-Komitees und unterstützte den 2014 folgenden Streik für mehr Personal auf Krankenhausstationen aus Patient*innenperspektive. ‚Pflege am Boden‘ als unabhängige und in ihren Formen teils von Occupy inspirierte Organisierung von Pflegebeschäftigten entstand. Es gründeten sich in dieser Zeit auch wissenschaftliche Netzwerke, die die Brücke zum Aktivismus schlugen, beispielsweise mit dem Manifest „Care macht mehr“. Schließlich startete das Netzwerk Care Revolution 2014 mit dem Anspruch, Menschen und Gruppen aus den verschiedenen Care-Positionen – unentlohnt Sorgearbeitende, Menschen mit viel Care-Unterstützungsbedarf, Care-Beschäftigte – zusammenzubringen, um Forderungen und Ziele zu propagieren, die allen nützen, und um gemeinsam ins Handeln zu kommen. Solche „verbindende Care-Politik“, ein von Barbara Fried und Hannah Schurian eingeführter Begriff, ist ein handlungsleitender Kern der Care-Bewegung. Angesichts der Erfahrung, dass es an Zeit, Einkommenssicherheit und unterstützender Infrastruktur für Sorgebeziehungen mangelt, ist die gesellschaftliche Bereitstellung bedarfsgerechter Ressourcen eine direkt aus verbindender Care-Politik folgende Konsequenz, um nicht gegeneinander ausgespielt zu werden.
Was hat die Care-Bewegung erreicht?
Die Gründungskonferenz des Netzwerks Care Revolution mit 500 Teilnehmer*innen, ebenfalls 2014, zeigte, dass es viel Interesse gab, am Thema ‚Care‘ zusammenzukommen, und sie zeigte auch, dass es nicht nur ungeheuer viel Wut gab, sondern auch Euphorie. Die Vorstellung dabei: Wenn sich Menschen in Sorgebeziehungen zusammentun – und Sorge betrifft alle und ist für das Leben aller grundlegend –, lassen sich viele Menschen auch außerhalb der linken Szene erreichen und es lassen sich wesentliche Veränderungen erreichen. In Erinnerung sei hier gerufen: In den vorhergehenden Jahren gab es schnelle und tiefgreifende Veränderungen zum Schlechteren. Diejenigen, die zusammenkamen, trugen jede Menge Wut in sich. Auch in der Auseinandersetzung mit der eigenen Care-Situation passierte viel: Selbstzweifel und Scham angesichts der Überlastung durch Care-Aufgaben waren noch sehr verbreitet. Und auch Begegnungen über Care-Positionen hinweg waren wertvoll und augenöffnend, wenn zum Beispiel Eltern und Kita-Beschäftigte teils zum ersten Mal miteinander über ihre jeweilige Situation diskutierten. Teils wurde dabei ganz Grundlegendes formuliert, wenn etwa auf Assistenz Angewiesene betonten, dass es nicht um Fürsorge für sie geht, sondern um einen Rahmen, der ihnen ermöglicht, handlungsfähiges Subjekt ihres eigenen Lebens zu sein. Dies zusammengebracht mit dem Ziel guter und abgesicherter Arbeitsverträge für in der Assistenz Beschäftigte zeigte, wie Forderungen aussehen können, die allen in der Sorgebeziehung helfen.
Das hier Gesagte gilt selbstverständlich nicht nur für das Netzwerk Care Revolution. Viel Wut, einiges an begründet scheinender Hoffnung und schnelle, tiefgehende Lernprozesse gab es wohl bei allen Akteur*innen. Die Care-Bewegung konnte auch durchaus Erfolge verzeichnen. Vor allem erzeugte sie eine breite Resonanz für Care-Themen und Care-Kämpfe. Vielleicht das beste Beispiel ist, wie die Berichterstattung zur Situation in der Altenpflege zugenommen hat: Das Thema wird längst nicht mehr unsichtbar gehalten. Auch fand in den Jahren seit 2014 eine ziemlich deutliche Diskursverschiebung statt: Nicht nur die Care-Arbeit wurde sichtbarer, sondern auch ihre Bedeutung und die Notwendigkeit, sie anzuerkennen. Parallel wuchs die Tarifbewegung insbesondere in der stationären Krankenversorgung, so dass es mittlerweile viele Krankenhäuser, nicht mehr nur Universitätskliniken, gibt, an denen ein Tarifvertrag zur Entlastung des Pflegepersonals durchgesetzt wurde. Lernprozesse waren hier: Ein Streik ist auch dann legitim, wenn er sich kurzfristig auf Patient*innen oder Klient*innen auswirkt. Streiks lassen sich so organisieren, dass diese Betroffenheit begrenzt wird („Leerstreiken“ von Stationen in Krankenhäusern; Betreuungsinseln in Kita-Streiks). Bündnisse stellen eine Machtressource dar, die dort besonders wichtig wird, wo durch Streik kein ökonomischer Druck ausgeübt werden kann, etwa in der Altenpflege oder in Kitas.
Bei den materiellen Verbesserungen, die es, teils tariflich, teils gesetzlich, gab, stellt sich jedoch die Frage, ob ihnen eine Stärke der Care-Bewegung zugrunde liegt oder ob sie eine staatliche Reaktion auf den drohenden Zusammenbruch von Care-Arrangements sind. Die Tarifverträge zur Entlastung hätte es ohne die vorhergehenden Streiks sicher nicht gegeben. Doch schon die, teils gesetzlich abgesicherten, Lohnsteigerungen oder die wieder kostendeckende Finanzierung des Pflegepersonals in Krankenhäusern unabhängig von Fallpauschalen waren eher eine Reaktion auf die Schwierigkeit, Menschen zu finden, die die Care-Arbeiten weiterhin tun. Dies zeigt sich etwa darin, dass die überdurchschnittlichen Lohnsteigerungen in den Krankenhäusern nochmals deutlich von denen in der Altenpflege übertroffen wurden. Dort gab es massiven Fachkräftemangel, aber keine Welle von Arbeitskämpfen. Ähnlich ist dies bei den partiellen Zugeständnissen an pflegende Angehörige oder dem Kita-Ausbau.
Neben diskursiven und tariflichen Erfolgen gab es immer auch Initiativen, um parallel zur Durchsetzung von Forderungen dort, wo es machbar ist, solidarische Lösungen auf die Beine zu stellen. Die Polikliniken und Gesundheitskollektive sind Beispiele hierfür, ebenso wie das Bemühen um Sorgezentren und Care-Cafés in verschiedenen Städten. Das Poliklinik-Syndikat als Verbindung der Gesundheitskollektive verweist im Übrigen auch auf die vielen Selbstorganisierungen in Care-Bereichen. So gibt es auch in prekären Beschäftigungsverhältnissen Organisierungen, z.B. für und von migrantischen Haushaltsangestellten. Es gibt das Medinetz, das sich um die gesundheitliche Versorgung von Menschen ohne Krankenversicherung kümmert. Es gibt Assistenzgenossenschaften als Selbstorganisierungen von Menschen mit Behinderung. Es gibt Organisierungen pflegender Angehöriger wie den Verein ‚Wir pflegen‘. Diese Zusammenschlüsse sind teils wiederum in Vernetzungen tätig, manche etwa im Netzwerk Care Revolution, und natürlich gibt es persönliche Verbindungen. Im Mittelpunkt jedoch steht die jeweils eigene Arbeit, nicht die Verbindung mit Initiativen in anderen Care-Bereichen. Selbstverständlich – das Engagement ist schließlich von der Notwendigkeit motiviert, jetzt und sofort Lösungen zu finden.
Care-Bewegung – gibt es die eigentlich (noch)? Und ist diese Frage wichtig?
Es ging jetzt viel um wichtigen und teils erfolgreichen Care-Aktivismus. Wie sehr lässt sich jedoch von einer Care-Bewegung sprechen? Sicherlich lässt sich analytisch benennen, was alles Care-Arbeit ist und im Leben welcher Menschen Care-Beziehungen einen besonderen Raum einnehmen, und dem dann einen zusammenfassenden Begriff geben. Die auf diese Weise offenkundige gesellschaftliche Bedeutung von Care zu zeigen, ist vielen ein Anliegen. Das gilt weit über den Kreis Care-Aktiver hinaus; hier hat sich durch ständige Diskussionen einiges verändert. Doch ist das eher der schon benannte diskursive Erfolg, der von den vielen Aktivist*innen und Organisationen gemeinsam erzielt wurde. Es gab immer wieder, besonders in den Jahren nach Corona, Vernetzungstreffen von Care-Aktiven, doch so etwas wie einen gemeinsamen Bewegungsratschlag, der auch (selbst-)kritische Fragen stellt und zu strategischen Überlegungen sowie Verabredungen kommt, gab es nie. Vermutlich haben sich die allermeisten Aktivist*innen in Care-Kämpfen, insbesondere außerhalb des akademischen Spektrums, vor allem als Gewerkschafter*innen, Feminist*innen, Commons-Aktivist*innen usw. wahrgenommen, nicht als Teil einer Care-Bewegung.
Zum besseren Verständnis gehe ich noch mal einen Schritt zurück: Die große Euphorie, die wir bei der Gründungskonferenz des Netzwerks Care Revolution verspürten, kam auch daher, dass es hier um eine Art von geerdetem Feminismus mit utopischem Überschuss ging: Es wurden Bedrückungen im Alltag adressiert, die aus der Ignoranz gegenüber der Bedeutung von Sorge resultierten und gegen die sich nur durch solidarisches Zusammenkommen ankommen ließe. Dieses Zusammenkommen setzte Neugier aufeinander und Einfühlen in die Bedürfnisse anderer voraus. Zugleich sind es viele, potentiell alle Menschen, die betroffen sind; was wir im Kleinen anfingen, schien uns verallgemeinerbar. Zudem konnten wir zeigen, wie die Ignoranz gegenüber Care-Bedürfnissen in Geschlechterkonstruktionen und in der kapitalistischen Produktionsweise, zugespitzt in ihrer neoliberalen Form, verankert ist. Damit begannen wir als Care-Aktivist*innen, so unsere Ausgangsvermutung, eine Auseinandersetzung ums Ganze. Oder in einem Satz: Den eigenen Alltag besser gestalten und damit die Gesellschaft verändern.
Diesen großen Bogen, von den konkreten Themen der Care-Kämpfe zur Kapitalismuskritik und zur Utopie, versuchten wir mittels Transformationskonzepten zu schlagen. Hier gab es einige Anläufe, etwa den von Gabriele Winker oder parallele, sehr ähnliche Überlegungen in der Rosa-Luxemburg-Stiftung. 2019 konnten wir auf der Feminist Futures-Konferenz in Essen noch ein solches Transformationskonzept vorstellen und diskutieren. Seitdem hat sich jedoch einiges verändert und die Resonanz solcher Konzepte hat spürbar abgenommen, wohl weil ihre Umsetzung kaum noch vorstellbar erscheint. Das ist im übrigen auch bei dieser Konferenz, Feminist Futures II, spürbar: Während 2020 das Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa Luxemburg-Stiftung noch über Infrastruktursozialismus unter Einbeziehung von Care-Themen auf gesamtgesellschaftlicher Ebene nachdachte, wurde das feministische Vergesellschaften auf der Konferenz der RLS zu diesem Thema 2023 in Bremen, im Care-Strang der ‚Let’s Socialize‘-Konferenz 2024 in Brandenburg und auch jetzt weitgehend auf die lokale Ebene zurückgenommen.
Die Corona-Pandemie stellte einen großen Einschnitt dar, der dies mit erklärt. Wenn ihr euch erinnert: Wenige Monate, bevor die Pandemie sich in Deutschland im Alltag wie in den Möglichkeiten politischer Aktivität auswirkte, erreichten die Fridays for Future-Aktionen ihren Höhepunkt, mit einer maximalen Mobilisierung im September 2019. Schon in diesem Zusammenhang gab es zumindest lokal eine Zusammenarbeit von Care- und Klima-Aktivist*innen, die wir sowohl analytisch – die parallele und parallel begründete Überlastung ökologischer Systeme und unentlohnter Arbeit – als auch mit dem Ziel einer ökologische Kreisläufe und menschliche Beziehungen bewahrenden und stützenden Produktionsweise begründen konnten. Der Wert von Sorgearbeit, Solidarität und stützenden, stärkenden Beziehungen wurde, so unsere hoffnungsvolle Wahrnehmung, in der Pandemie deutlich. Damals gab es auch den Versuch eines bewegungsübergreifenden Bündnisses ‚Solidarisch geht anders‘. Parallel versuchte das Netzwerk Care Revolution, mit der Kampagne ‚Platz für Sorge‘ Transformationsvorstellungen mehr Gehör zu verschaffen. Die Hoffnung, dass sich die durch Corona erhöhte Offenheit für Care-Themen mit einer umfassenden Thematisierung gesellschaftlicher Veränderung verbinden ließe, erfüllte sich jedoch nicht; dabei war es dennoch befreiend, Care-Politik wieder auf die Straße zu bringen. Der Rückzug auf Ansätze, die auf lokale Politik, Branchen und Lebenslagen bezogen sind, nahm in der Folge jedoch eher zu.
Das bei der Gründung von Care Revolution 2014 als etwas Großes und Eigenständiges gestartete Care-Thema ist im gesellschaftskritischen Diskurs mittlerweile in etwas eingeflossen, was sich mit Eva von Redecker „Revolution für das Leben“ nennen ließe. Diese Perspektive gewinnt in der Linken an Bedeutung. Zudem wurde vieles gelernt, auch aus den vielen Care-Kämpfen, und taucht an verschiedenen Stellen auf: In gewerkschaftlicher Streikführung, Stadtteilorganisierung, der Veränderung linker Parteiarbeit, der Idee eines feministischen Streiks, dem unhintergehbaren Einbezug der Care-Arbeit in die Formulierung von Utopien.
Wenn wir – „wir“ meint hier die gesamte emanzipatorische, nicht-autoritäre Linke – es schaffen, dass die Aufmerksamkeit für die Bedeutung von Beziehungen und Reproduktion in politischen und ökonomischen Analysen erhalten bleibt, dass Geschlechter- und Care-Themen keine Beilage, sondern integraler Bestandteil aller großen Proteste und aller Transformationskonzepte sind, ist viel erreicht. Ob die unentlohnte Arbeit und alle Lebenslagen bei den anstehenden Sozialprotesten mitgedacht werden, wäre etwa ein Test hierauf. Dann wäre es auch ziemlich egal, wenn es eine Care-Bewegung als „Bewegung für sich“ nicht mehr gäbe.
Ohne Debatte über gesellschaftliche Transformation geht es nicht
Startpunkte der Care-Bewegung – ich bleibe vorerst bei diesem Begriff – waren also zunächst das geteilte, wenn auch je nach Lebenslage unterschiedliche Leiden unter den Verhältnissen. Zweitens war die Vorstellung von Care als geerdetem Feminismus ganz wichtig. Drittens schließlich war damals Hoffnung gebend, dass das Thema Menschen außerhalb wie auch immer definierter und abgegrenzter Szenen betrifft und mobilisieren kann – ohne dass die Strukturierung der Gesellschaft und der Sorgearbeit durch Geschlechterkonstruktionen und Klassenverhältnisse ausgeblendet wird, auch wenn es manchmal bei Care-Aktivist*innen die Tendenz gibt, hinter dem grundsätzlich wichtigen „wir alle brauchen und betreiben Sorge“ diese Verhältnisse verschwinden zu lassen. Diesen geerdeten Feminismus finden wir aktuell unter anderem in dem Konzept sorgender Städte wieder, aber auch, wenn Care-Themen beispielsweise in die Äußerungen von „DW&Co enteignen“ eingehen. Mittlerweile wird in linken Bewegungen anders über die Notwendigkeit unentlohnter Arbeit gesprochen, über die Notwendigkeit für alle zugänglicher Unterstützung, über das, was z.B. auf Assistenz angewiesene Menschen oder pflegende Angehörige für Lebensqualität benötigen. Wir können uns aus einer Care-Perspektive klar gegen immer mehr Lohnarbeit und gegen den Wachstumsfetisch aussprechen, für eine beziehungsorientiertere, global teilbare Lebensweise. Wir wissen, dass es zum Leben gehört, auf andere angewiesen zu sein und dass das Bild des von Beziehungen unabhängigen autonomen Subjekts dystopisch und nichts Wünschbares ist. Fraglos haben wir in diesen care-bewegten Jahren viel gelernt und erreicht.
Jedoch: Das bekommen wir ins Kleine, in Nahbeziehungen, lokale kollektive Care-Lösungen übersetzt. „Klein“ ist hier nicht abwertend zu verstehen, sondern als etwas von der Reichweite her Begrenzteres. Streiks und Streikunterstützung, Initiativen für Sorgezentren, Care-Cafés und auch Experimente des sorgenden Zusammenlebens in Hausprojekten oder für kürzere Zeit in Camps – all das strahlt auch jetzt viel Attraktivität aus. Und dies sind die Orte und Begegnungsräume, in denen wir Kraft gewinnen können, damit größere Ziele überhaupt wieder vorstellbar werden, nicht als allgemeine Rede vom „guten Leben“, sondern in Strategien und Schritte konkretisiert. Schließlich sind Räume der Solidarität auch wichtig, wenn wir davon ausgehen müssen, dass mit wirtschaftlicher Stagnation, Klimakatastrophe und Aufrüstung auch Vereinzelung und Verhärtung gegen als „andere“ definierte Menschen zunehmen. Vermutlich müssen wir momentan Solidarität und Handlungsfähigkeit in sozialen Kämpfen und Orten der gemeinsamen Sorge erst wieder spüren, damit wir uns wieder zutrauen, auch im Großen etwas verändern zu können. Diejenigen, die hier nicht verankert sind, werden auch mit ihren Transformationsideen nicht gehört werden.
Doch wenn wir uns mit dem kleinen Rahmen zufriedengeben, haben wir ein Problem. Denn lokale Projekte und betriebliche Kämpfe sind angesichts des Ausmaßes prekärer Lebenssituationen überfordert, wenn es um eine umfassende Verbesserung der Lebensumstände geht. Gerade in Armut und prekär lebende Menschen benötigen eine solche Perspektive auf unmittelbare Verbesserungen in einem Umfang, bei dem wir über den Einsatz gesamtgesellschaftlicher Ressourcen sprechen müssen. Wir können also die großen Transformationsthemen nicht ignorieren, wenn es uns ernst ist mit dem Weg in eine gesellschaftliche Alternative, der mit dem gegebenen Zeitrahmen, den uns vor allem die Klimakatastrophe gibt, vereinbar ist. Wie der Spagat zwischen den Ebenen gelingt, müssen wir herausfinden. Ihn nicht zu schaffen, können wir uns nicht leisten.
